Texte für unterwegs

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Sorgen der Satten
Nach der jetzigen Mode sind meine Stiefel drei Zentimeter zu kurz. Unser neues Auto wird vier Wochen später geliefert. Die Preise für Zigaretten und Alkohol steigen. Fünfzig Pfennig Lohnerhöhung pro Stunde verlangt unsere Putzfrau (unverschämt!). Im Ferienort bekommen wir nur noch ein Zimmer ohne Dusche und ohne WC. Mein Fußballverein steigt ab. Der nächste Laden führt nur fünf Sorten Brot. Vierzehn Tage soll die Reparatur des Fernsehers dauern. Meine Freundin will nicht mehr die Pille schlucken. Schon wieder blieb die Schlankheitskur ohne Erfolg. Und das ist nicht alles.
Christa Peikert- Flaspöh
Morgengebet
Wisch weg die Spuren der Nacht. Verjag den Tod aus mir. Mach mich heller als der heraufkommende Tag. Lass mich dich sehen, der selbst erschienen ist, eingehüllt in das Licht dieses Tages. Lass mich lachen, hebe mein Herz empor, mach mir Freude. Lass mich hier sein, mach mich gegenwärtig. Gib mir Verantwortung für Menschen. Damit ich aufmerksam und barmherzig bleibe. Damit mich Schmerz und Sorgen nicht stumpf machen. Dass mich die Kraft zur Liebe nicht verlässt.
Führe den Tag der Gerechtigkeit schneller herbei. Schau nicht länger zu, dass da und da in dieser Welt Menschen gefoltert werden, Kinder getötet; dass wir die Erde schänden und einander das Licht wegnehmen.
In unserem Gewissen wecke Zorn und Scham, damit wir umkehren, zurück zu deinem Wort. (Huub Oosterhuis)
skizze zu einem abendgebet
herr wie kann ich dir danken für den großen erfolg mit dem es mir heute wieder gelungen ist mich an dir vorbeizudrücken
Josef Reding
Am Abend
Nachdenken, noch einmal alles vorbeilaufen lassen, die Augenblicke, Bild für Bild.
Müde Zwischenbilanz: verpasst, vertan, tausend Chancen ungenutzt.
Da bleibt ein Rest vor und hinter dem Komma: suchen, warten, finden.
Und morgen? Da liegt ein weites Feld.... Mit tausend Möglichkeiten und mehr. Da bin ich... Mit tausend Hoffnungen und mehr. Da bist du, Gott, mit deiner Hand, die du über mich hältst. Werner Schaube
und wäre Christus tausendmal in Betlehem geboren, aber nicht in deinem Herzen, es wäre alles umsonst.
Angelus Silesius
Geh in dich hinein
Stundenlang kannst du dein Auto putzen. Zum Kleiderkaufen hast du Zeit genug. Wenn es um die Frisur geht, unter der Trockenhaube wirst du nicht nervös. Warum nimmst du dir so wenig Zeit, um dein Herz zu "versorgen"?
Wenn du einzig und allein an der Oberfläche lebst, wenn dich nur dein Außen interessiert, deine Aufmachung, dein Aussehen und dein Ansehen, dann hängt dein Glück an einem launischen Pendel: heute glücklich, morgen unglücklich, heute in Stimmung, morgen verzweifelt.
Geh in dich hinein. Mach was für dein Innen, für die "Inneneinrichtung" deines Herzens. Da sind die Stimmungen, die treibenden Kräfte zu Hause, die dich verwirren oder überglücklich machen.
Phil Bosmans
an gott
dass an gott geglaubt einstens er habe fürwahr er das könnte nicht sagen es sei einfach gewesen gott da und dann nicht mehr gewesen gott da und dazwischen sei gar nichts gewesen jetzt aber müsste er sich plagen wenn jetzt an gott er glauben wollte garantieren für ihn könnte niemand indes vielleicht eines tages werde einfach gott wieder da sein und gar nichts gewesen dazwischen
ernst jandl
Legende von den Mönchen
Es waren zwei Mönche, die lasen miteinander in einem alten Buch, am Ende der Welt gebe es einen Ort, an dem der Himmel und die Erde sich berühren. Sie beschlossen, ihn zu suchen und nicht umzukehren, ehe sie ihn gefunden hätten. Sie durchwanderten die Welt, bestanden unzählige Gefahren, erlitten alle Entbehrungen, die eine Wanderung durch die ganze Welt fordert, und alle Versuchungen, die einen Menschen von seinem Ziel abbringen können. Eie Tür sei dort, so hatten sie gelesen, man brauche nur anzuklopfen und befinde sich bei Gott. Schließlich fanden sie, was sie suchten, sie klopften an die Tür, bebenden Herzens sahen sie, wie sie sich öffnete, als sie eintraten, standen sie zu Hause in ihrer Klosterzelle. Da begriffen sie: Der Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren, befindet sich auf dieser Erde, an der Stelle, die uns Gott zugewiesen hat.
Endlich
Endlich alles lassen können Nicht mehr jagen, nicht mehr rennen
irgendwo in Ruhe stehen und sich selbst im Spiegel sehen
sitzen, träumen, sich bescheiden aufhörn, andre zu beneiden
fern, ganz fern die Pforte ahnen nicht mehr fliehen aus den Bahnen
leise werden, Augen schließen bis die Ströme wieder fließen ...
Ute Latendorf
Schwer ist zu Gott der Abstieg. Aber schau: Du mühst dich ab mit deinen leeren Krügen, und plötzlich ist doch: Kind sein, Mädchen, Frau - ausreichend, um ihm endlos zu genügen.
Er ist das Wasser: bilde du nur rein die Schale aus zwei hingewillten Händen, und kniest du überdies - : ER wird verschwenden und deiner größten Fassung über sein.
Rainer Maria Rilke
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