Festvortrag von Dr. Heinrich Joswig am 6. Juli 2001 um 19.30 Uhr in der Stafforter Kirche
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Liebe versammelte Kirchen-Gemeinde,
Als in den frühen Nachtstunden des 2. Februar 1945 britische Kampf-flugzeuge Sprengbomben und Brandbomben, Luftminen und Phos-phorkanister auf die vier Hardtgemeinden Blankenloch, Büchenau, Spöck und Staffort und deren Gemarkungen abwarfen, blieb unsere Kirche in Staffort und das Gotteshaus in Blankenloch verschont. Die Kirche in Spöck war schon im Jahr davor ein Raub der Flammen ge-worden. Die Kirche in Büchenau brannte in jener Nacht in einem In-ferno von Flammen aus. In allen Fällen wurden auch die Kirchenfens-ter vollkommen zerstört.
Ich habe in letzter Zeit Gespräche mit zahlreichen Stafforter Seniorin-nen über genau dieses Ereignis geführt und sie unter anderem gefragt, ob sie denn in jener Nacht des Schreckens und des Todes auch an ihre Kirche gedacht hätten. Viele verneinten dies. Sie seien viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen. Doch später, als sie an der Kirche am östlichen Ortsrand vorbei gekommen seien, hätten sie gesehen, dass die schönen Kirchenfenster auch der Stafforter Kirche zwar nicht voll-ständig, aber doch weitgehend zerstört gewesen seien. Meist bricht dann der immer noch empfundene Verlust der als schön, wunderbar und herrlich beschriebenen alten Fenster aus der Erinnerung hervor.
Ich zitiere aus einem der Protolle der Erinnerung der Frauen: "Hatten sie irgendwann einmal auch an ihre Kirche gedacht? - Luisel meint: "Horch, do war des garned so wichdich me. Do hasch erst an annares gadengd als an d Kärch. Do hasch erschd noch deina Leid gsuchd." Elsel meint, sie könne sich nicht entsinnen, dass ihr der Ge-danke gekommen sei. Das war erst später. Das Dach war ziemlich ka-putt gewesen und die Fenster auch. Gertrud meint: "Die schena Fen-schda. Wann e an d Kärch komm un seh des Zsammagsedzde, des Moderne, des isch gar ned sche gegha dem, was vorher wa." Da wa-ren so ähnliche Bilder, aber nur deutlicher. Man sah und erkannte alles viel besser. "Ja, ja, viel bessa als des eggiche Zeig do." Elsel meint, das sei nun eben das Moderne. Auch als ich sage, unsere heutigen Kirchenfenster seien schon sehr schöne Fenster in ihrer Art, dass sie dem Kunststil des Kubismus zuzurechnen seien, wollen sie das offen-bar nicht so recht gelten lassen. Elsel beschreibt die alten Fenster so: Da war das Hauptfenster hinter dem Altar mit Jesus am Kreuz. Und dann natürlich Maria und Jesus und die so drum herum. "Awa viel schener wie des", muss Gertrud noch einmal betonen. "Des wa mea Kunschd wie des heid." Die Debatte um die neuen und die alten Fens-ter setzt sich noch ein Weilchen fort. Das Urteil ist eindeutig und der Kummer darum, dass die alten Fenster zerstört worden waren. Auch Luisel sagt am Schluss: "I wois blos, dass se wundaba gwesd sen. Koin Vagleich zu dena, wu jedzd drin sen." Elsel erinnert sich so: "Oin Bligg un ma had erkannd, was s daschdeld." Bei den neuen müsse man schon mehr studieren."
Eine andere Frauengruppe: "Haben sie in jener Nacht auch einmal daran gedacht, ob "d Kärch noch stehd?" - Male meint, sie hätten alle mit sich und ihrem Hofrat zu tun gehabt. Die Spöcker Kirche habe man lichterloh brennen sehen. Das sei aber schon 1944 gewesen. Die eigene Kirche? Nun, es kann niemand sich weiter erinnern. Doch Hanna hoffte: "Ach, wann doch wenigschdens unsa Kärch noch schdehd, des Goddeshaus, des brau-cha ma doch wirra". Emilie erzählt, sie sah, dass "unsa Kärch noch stehd." sie konnte von ihrem Haus in der Bruchgasse aus die Straße entlang schauen, an deren Ende die Kirche stand. "I hebs da anna Aughabligg gsäha, dass d Kärch noch schdehd. Do hat ma sich gfroid."
Dieser eigentümliche Zeitbeschreibung des Dialekts "da anna Aug-habligg" beschreibt wohl, dass es den ersten und schrecklichen Au-genblick der Todesangst und der Zerstörung gegeben hat, nach dem dann "der andere Augenblick" kam, in dem man anderes wieder er-blickte und registrierte. Die Kirchenfenster waren "radakal kabudd". So beschreiben sie es. Alle waren sie bald wieder einmal dort in ihrem Gotteshaus.
Das Stichwort "Fenster" signalisiert einen weiteren Verlust der Dorf-gemeinde: "Die schena alda Fenschda!", um sogleich die neuen und deren Anblick in Zweifel zu ziehen. Man kann es in drei Sätzen sagen: 1. Die Kirche stand noch 2. Die Fenster waren kaputt. 3. Die neuen Fenster entsprachen nicht ihrer Geschmacksrich-tung. In der Tat waren die anschaulichen, farbenfrohen, romantisch-realistischen Chorfenster der Kirche sicher das Kostbarste, was die Dorfgemeinschaft an Kunst damals besaß und wohl auch heute noch besitzt.
Im Verlauf des Gesprächs kehren die vier Frauen noch einmal zu den schönen alten Kirchenfenstern zurück. Eines müsse wie die Auferste-hung gewesen sein. Ostern und eben ganz schöne Fenster. Sie wissen nicht, wer die Kirchenfenster gemacht hat. "Selle wara sche", meint Hanna etwas wehmütig.
Sie hätten mal zum Pfarrer Urban gesagt: "Se gfalla uns ned so arg." Da habe er gesagt: "Dann versucht ihr, den Fenstern zu gefallen." Ja, ja, da seien sie schon wieder geströstet gewesen, meint Male. "Des isch ned akomma bei as." Jetzt, nun ja, jetzt hat man sich daran ge-wöhnt. Im neuen Stil wird die Auferstehung und alles auch schön ge-zeigt, eben im neuen Stil. Doch die anderen haben ihnen am besten gefallen. Die waren "wunderschön."
Wir wollen an diesem Frühlingsabend, 56 Jahre nach der Zerstörung der ersten Kirchenfenster, einen Versuch machen, die neuen Fenster besser zu verstehen. Denn, geben wir es ehrlich zu, sie machen uns immer noch zu schaffen. Für die Wahrnehmung durch unsere Augen und unsere Gedanken ist es immer leichter, solches als bekannt und vertraut anzusprechen, was mehr der sog. "Wirklichkeit" entspricht als das, was davon abweicht oder nichts mehr damit zu tun hat.
Die ersten Kirchenfenster bestanden aus den drei Chorfenstern im Os-ten mit ihren in Blei gefassten Glasgemälden wichtiger christlicher Inhalte und den übrigen Fenstern, die eher unscheinbar waren und mit zwei oder drei geometrischen Grundmustern und Farben die Fenster-flächen bedeckten. Das runde Westfenster allerdings war mit Blumen-ornamenten geschmückt.
Auch unsere neuen Kirchenfenster - in Wirklichkeit sind sie schon älter als unsere ersten geworden waren - unsere jetzigen Kirchenfens-ter unterscheiden sich in die Chorfenster, in denen wir wichtige christ-liche Inhalte dargestellt finden und erkennen können, und den Fens-tern, die auf den ersten Blick nur Farben und irgendwie geometrische Formen in vielfältiger, sich kaum wiederholender Weise enthalten.
Der Entwurf dieser Fenster stammte von H. Kupfernagel von der Staatlichen Akademie in Karlsruhe. Die Ausführung übernahm die Kunstglaserei Horak aus Karlsruhe. Die Fenster sind mit dem Da-tum 15. März 1951 signiert. Sie sind in diesem Jahr also genau 50 Jahre alt. Auch sie haben eigentlich ein rundes Jubiläum.
Der Künstler war dem Stil der damaligen Zeit verpflichtet. Die gleichmachende und oft sehr kitschige Blut-und-Boden-Kunst der NS-Zeit war vorbei, sofern sie überhaupt jemals in der Glasmalerei der Kirchen eine Rolle gespielt hatte. Die NS-Zeit hatte eher dazu beige-tragen, Kirchen in großer Anzahl zu zerstören, nicht zu bauen oder gar zu schmücken. Die Künstler der Nachkriegszeit konnten sich an inter-nationalen Kunstbewegungen orientieren, ja man entdeckte geradezu wieder Kunstrichtungen aller Art, die kurz zuvor noch als "entartet" im Sinne der nationalsozialistischen Propaganda gegolten hatten.
Die neue Stafforter Kirche wurde in einer Epoche gebaut, in der in der bildenden Kunst der sog. "Jugendstil" eine wichtige Rolle spielte oder in der Kirchen-Architektur gerne auf romanische und gothische Vor-bilder zurückgegriffen wurde. Unsere Kirchen-Architekten hatten sog. "neugothische" Vorstellungen verwirklicht, zugegeben weniger him-melstrebend als vereinfacht und solide. Doch auch hier finden wir wie in den Kathedralen des Spätmittelalters die Spitzgewölbe, die Spitz-bogen und vor allem die spitzbogigen Kirchenfenster sowie die große runde Rosette in Richtung Westen. Turm und Außenfassade sind aus grob zugehauenem Buntsandstein gemauert, nur an wenigen Stellen geglättet. Vorspringende Stützpfeiler verstärken die Statik des Gebäu-des.
Es ist also keine konsequent gestaltete Neugothik, eher eine Mischung aus Kompromissen an Finanzierbarkeit und Solidität, aber auch an den Geschmack der Zeit. Schließlich blieb auch der Turm deutlich niedri-ger als geplant, weil das Geld nicht reichte.
Ich denke, Pfarrer Urban wird damals froh gewesen sein, überhaupt einen guten Künstler und ein finanzierbares Kunstwerk zu finden. Er hat die Fenster in seiner Kirchenchronik nicht erwähnt. Am 16. April 1951 hatte er seine Gemeinde für immer verlassen. Unsere Kirchen-fenster zeigen das Datum 15. März. Er wusste vermutlich, dass seine Stafforter mit den neuen Fenstern ihre Probleme hatten, in denen der Auferstandene kein Gesicht mehr hat, der hoch über dem Grabe schwebende Engel aus lauter Dreiecken besteht, der große Auferste-hungsengel eher einem riesigen Paradiesvogel gleicht und auch die Wächter am Grabe oder die Jünger unter dem segnenden Christus im mittleren Fenster "zusammengestückelt" erscheinen und maskenhaft. Da konnte man nur froh sein zu sehen, dass wenigstens das Jesuskind im rechten Chorfenster Augen, Mund, Nase und richtige Haare und Finger hatte, Maria ein erkennbares Gesicht und Joseph sogar Bartlo-cken und Hände mit richtigen Fingern und Fingernägeln. Die Hirten allerdings waren wieder solche zerstückelte Menschlein im Hinter-grund. Überhaupt fehlte im Stall Ochs und Esel und die Krippe. Ande-rerseits konnte man dem Stern über Bethlehem etwas abgewinnen, der zugleich an den Stern Davids erinnert. Auch die Taube des Heiligen Geistes mit ihrem Stück Brot im Schnabel war zwar auch zerstückelt, doch eben gut erkennbar: Das Brot des Lebens, das in der Auferste-hung den Tod überwindet. Das galt auch für das Grab und dessen sichtbar schwere Deckplatte. Dass der Auferstehende nach der Sitte der biblischen Zeit in Tücher gewickelt war und deshalb auch sein Gesicht nicht zu sehen war, schien erklärbar.
Solange man in diese Bilder schaute, blieben sie ein Rätsel, eine in Farben ausgeleuchtete biblische Welt, in der jeder, der sie während des Gottesdienstes vor Augen hatte, seine eigene Vorstellung von der Wirklichkeit entwickeln konnte.
Dann waren da die anderen Fenster der Kirche, aus denen alle Reste mit ihren milchweißen, grünen und roten Farben und Bändern heraus-gebrochen worden waren. Jetzt schaute man in erdbraune Schichten, in weiße Bänder, eine Vielfalt von blauen, grünen und roten Glasstückchen, die in kleinen und größeren Haufen leuchteten. Das Durcheinander machte einen eher unruhig. Das Auge, das Herz und die Seele wollte auf keiner stillen, schönen Harmonie ruhen. Keine Blume, nichts Organisches zeigte sich da, wo die Kirche doch von Feld, Wiesen und Gärten umgeben war, und die meisten Menschen damals noch in der Landwirtschaft tätig. Der neue Innenanstrich hatte auch noch die schönen Pflanzen und Blütenmuster mit ihren Vögeln beseitigt. Gott konnte man danken, dass wenigstens das Kruzifix den Gottessohn noch "ganz" zeigte und der schöne Taufengel ebenfalls "ganz" geblieben war.
Lesung
Wie hatte Pfarrer Urban doch gesagt? "Die Fenster gefallen euch nicht; dann gefallt eben ihr den Fenstern." Die Gläubigen sollten mit ihrem Glauben und ihrer Frömmigkeit, ihren guten Gedanken und ih-ren stillen Gebeten Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist gefallen, die in den Kirchenfenstern durch Formen und Farben gegenwärtig waren und sind. Das Glaubensleben der Gemeinde, das in ihren Gläubigen lebt, ist die eigentliche Schönheit des Gotteshauses.
Der Künstler Kupfernagel hatte nach der weitgehenden Zerstörung der alten Kirchenfenster einerseits also eine Art von Reparaturauftrag, bei dem ihm die neugothische Form der Fenster vorgegeben war. Er mus-ste deren Steingestalt akzeptieren und deren gothische Form als Rah-men dafür nehmen, was er zum Ausdruck bringen wollte. Er hatte aber auch ein künstlerisches Interesse, das offenbar vor allem das Ziel hatte, die Gesamtheit der Fenster in einem durchgehenden Kunststil und einem einheitlichn Konzept zu gestalten. Für uns, die heutigen Betrachter, hat der Künstler keine Gebrauchsanweisung hinterlassen, welchen Sinn die Farben und die Formen der Fenster haben sollten. Jeder von uns kann sie auf seine Weise erleben und erfahren und ih-nen einen Sinn geben.
Am einfachsten ist dies sicher mit den nach Osten ausgerichteten drei Chorfenstern. Der Blick wandert bei der Betrachtung eines Bildes gerne zuerst nach rechts oben und dann nach links unten. So sehen wir zuerst den hellen Stern, der sich natürlich aus Dreiecken schön zu-sammensetzen ließ, dessen Strahlen aus kosmischem Blau auf die Hir-ten und Maria und Joseph mit dem Kind fallen. Der Stern ist der leuchtende Komet, aber in der Symbolik der jüdischen und Christli-chen Tradition auch der Stern des Hauses Davids. Ob das zu ihren Fü-ßen wirklich eine Krippe ist? Es könnte so gemeint sein. Jedenfalls ist sie dann "zusammengestückelt", wie Getrud das gesagt hatte.
Der Blick wandert nun durch die Mitte der biblisch-christlichen Bot-schaft: Christi Himmelfahrt und Pfingsten zugleich. Es fällt uns nicht schwer, den Heiligenschein, die Flammen des Geistes Gottes und den Segen zu erkennen, der aus Christi Händen strömt und auf die unten kauernden Gläubigen fällt. Doch oben in der Rosette befindet sich nicht die Taube als Symbol des Heiligen Geistes, die wir mit Pfingsten verbinden. Der Künstler hat versucht, dort das göttliche Licht darzu-stellen, das aus dem Ursprung aller Anfänge in die Zeit fällt. Es zieht sich durch das ganze Bild bis hinab zu uns Menschen und erreicht so-mit auch uns in unserer eigenen Zeit. Dort, wo der Künstler dieses ge-ometrische Rund mit Licht erfüllt hat, finden wir in anderen Darstel-lungen gerne das Auge Gottes. Wir müssen zugeben, es wäre hier nicht passend. Vielmehr bleibt das göttliche Licht mit seinem Schein rätselhaft. Drei Strahlenbündel deuten die Dreifaltigkeit an.
Der Blick wandert schließlich, gegen den eigentlichen Ablauf der Ge-schichte, zur Auferstehungsszene links unten. Auch hier, ausgehend von der Taube, Symbol des Heiligen Geistes, fließt ein göttlicher Lichtstrahl in das Grab des Todes hinein, reflektiert von den ganz un-irdisch erscheinenden Engelsgestalten und dem Leibe Christi. Zugleich könnte man sagen, strahlt das Licht von dem noch mit Lei-chentüchern umwickelten Christus aus dem Grab heraus.
Ich empfand den großen Engel unter dem kleineren, zerstückelt schwebenden immer als mächtig und stark, zugleich mit seinen großen Schwingen als unirdisch schön. Sein Gesicht zeigt Züge des Men-schengeschlechts wie auch seine Hand, die mit großer Leichtigkeit den schweren Stein hält, damit er nicht wieder zuschlägt. Christus steht nicht mit strahlendem Gesicht im Grab des Todes, wie dies in anderen Auferstehungsszenen oft der Fall ist. Er war wirklich gestor-ben und ist dabei, mit Hilfe des göttlichen Geistes und des Engels dem Tod die Macht zu nehmen. Gottes Geist erinnert an die Worte Jesu: "Ich bin das Brot des Lebens". Brot und der zerbrochene Leib Christi begegnen uns als ganz wesentlicher Teil unseres Glaubens im A-bendmahl.
Auf den alten Bildern, so erinnere ich mich aus meiner Kindheit, la-gen da die römischen Legionäre mit ihren Schildern und Schwertern, wie man sich diese nun eben einmal gut vorstellen konnte. Hier liegen sie schlafend, halb wachend. Ihre Körper sind eher wie mechanische Apparate zusammengesetzt. Ihre Gesichter sind Masken.
Lesung
Die drei Altarbilder sind in sich eine gelungene Einheit, auch wenn der Künstler das Universum, das göttliche Sein und das menschliche Dasein in eher geometrische, farbige Flächen zerlegt hat. Es scheint, er sei dabei nicht konsequent gewesen. Denn das Jesuskind hat ein ge-zeichnetes Menschengesicht. Auch Maria und Joseph und die Hirten erkennt man als Menschen in der Szene der Menschwerdung Gottes. Marias nackter, linker Fuß zeigt alle 5 Zehen. Auch die Jünger, die Gläubigen im untersten Segment des mittleren Fensters lassen diese Mischung aus menschlichen Merkmalen wie Gesichter, Hände und Füße erkennen. Selbst die Wächter am Grabe zeigen menschliche Zü-ge. Sagen wir doch oft genug, das Gesicht dieses oder jenes Menschen sei wie eine Maske gewesen. Wir sprechen auch von der Totenmaske; sie, die Wächter, tragen die Maske des Todes. Der große Engel schließlich hat ein menschliches Antlitz. Wir nehmen den scheinbar nur kleinen, in den Strahlen des göttlichen Geistes schwebenden und in geometrische Formen zerstückelten Engel kaum noch als men-schenähnlich wahr. Er ist zur Abstraktion geworden. Der paradiesi-sche Engel mit den phantastischen Schwingen und dem menschlichen Angesicht hingegen ist der Erde und damit uns Menschen näher.
Ich denke, der Künstler hat konsequent unterschieden zwischen dem, was menschlicher Natur ist, und dem, was göttlicher Natur ist. Der in die Welt der Menschen geborene Jesus ist, wie es das Evangelium sagt, ganz Mensch geworden. Der Engel, der der Erde am nächsten ist, hat auch ein menschliches Gesicht, nicht aber der, der oben im Uni-versum schwebt.
Am abstraktesten, ohne jegliche Erinnerung an Leibliches, ist der gött-liche Ursprung in der mittleren oberen Rosette dargestellt. Der Künst-ler war nun sicher nicht zu faul oder gar unfähig, dem auffahrenden Christus ein Gesicht zu geben. Vielmehr, so erscheint es mir, bringt er damit zum Ausdruck, dass die Zeit seines Menschseins vollendet ist. Schon bei der Auferstehung und noch im Grab des Todes ist sein Ge-sicht verhüllt. Wir erinnern uns, auch die Jünger, die dem auferstan-denen Heiland begegneten, erkannten zuerst sein Gesicht nicht. Es waren die Füße mit den Wundmalen, die Hände oder die Art, das Brot zu brechen, an denen sie ihn erkannten. So sind auch die den Men-schen zugewandten Hände Christi und seine Füße menschlich ge-zeichnet. Sie tragen die Wundmale der Kreuzigung und berühren durch den ihnen entströmenden Segen und Trost die Gläubigen.
Ich habe mir das mit dem Ostersonntag aufgehängte Kanzeltuch ge-nauer angeschaut, weil ich sicher bin, dass weder der eine, noch der andere Künstler seine Farben ohne Absicht gewählt hat. Warum hat der Künstler der neuen Bilder den auffahrenden Christus nicht rot ge-macht oder die Maria grün?
Das Kanzeltuch enthält ganz unübersehbar die Farbe Gelb, die bis ins Rote übergeht- Blaue, grüne und lila Farbtöne sind enthalten, auch schwarze und ins Bräunliche gehende Bildelemente. Fast nichts erin-nert dort an Gegenständliches. Doch das Kanzeltuch ist gewiss keine Fläche, auf der einer oder eine unbedacht mit Farben herumgekritzelt hat.
In den drei Chorbildern ist dies leichter. Dort kann man Farben leich-ter mit Vorstellungen einer irdischen oder geistigen Wirklichkeit ver-binden. Ähnlich wie auf dem österlichen Kanzeltuch ist die Mitte von gelben Flammen und gelblichen Strahlen des Segens und des Trostes verbunden. Diese warme und lichte Farbe erscheint auch in dem Schein, der die Häupter Christi und Marias umgibt, ein Zeichen göttli-cher Nähe und Gegenwart des Heiligen Geistes, der vom Stern, vom göttlichen Ursprung und vom lebendigen Wort Gottes ausgeht, das der Vogel im Schnabel trägt. Wir können die Farbe Gelb in ihren Abstu-fungen bis hin zum hellen Weiß, also als die Farbe des Segens, des Trostes, der Erlösung betrachten. Es sind diese Farben, die, wenn die Nacht gekommen ist und die Bilder vom Inneren der Kirche der Ge-meinde vom Licht berührt werden, als Botschaft in die Dunkelheit der Welt am stärksten leuchten.
Die zweite und dominate Farbe ist Blau, das auch im Kanzeltuch oben und unten gegenwärtig ist. Ich halte sie für die Farbe des Glaubens. Der Glaube an die Menschwerdung Christi ist eine universale Bot-schaft. Sie ist schon im göttlichen Ursprung enthalten. Maria, wie wir wissen, war fest im Glauben. Auch der eine Hirte glaubt an das, was er gerade erlebt. Der auferstehende und der auffahrende Christus tra-gen die Farbe des Glaubens, die, wenn wir genau schauen, auch bei den Wächtern und den Gläubigen am Boden erscheint. Der Engel trägt sie in seinen Flügeln, die Taube in ihrem Federkleid und im göttlichen Ursprung ist sie in zwei Dreiecken enthalten.
Grün, die Farbe der Hoffnung, im biblischen Glauben Hoffnung auf Erlösung, finden wir im Kanzeltuch, aber auch dort, wo Göttliches die Menschen berührt. Die heilige Familie ist ganz umgeben mit diesen eher warmen, grünen Tönen der Hoffnung. Sie taucht auf bei den Gläubigen und ist Teil des Engels, aber auch in den Masken der Wächter wird sie reflektiert. Sie sind nicht ausgeschlossen und ver-dammt. Die Farbe Schwarz erscheint in den Fenstern nicht. Das Grün der Hoffnung ist bei uns, wenn ein Kind geboren wird. Es ist in in die Schatten des Todes gemischt wie auf dem Grabdeckel und bei den Menschen in ihrer irdischen Existenz.
Wir finden die Farbe Rot bei den Gläubigen. Die rechte Person ist ganz erfüllt davon. Sie ist enthalten in den Flammenzungen, die von der Gestalt Christi in der Mitte ausgehen. In ihrer violetten Variante ist sie Zentrum des göttlichen Ursprungs, beherrscht sie die Engelsgestalten und erscheint im Flammenkranz Christi. Im Gewande des Josephs ist sie eine Verbindung zu Maria und dem Kind. Ich denke, wir haben alle keine Probleme damit, die Farbe Rot und ihre Mischungen der Liebe zuzuordnen, ohne die der Inhalt dieser Bilder ganz unvollständig wäre.
Doch auch die Farbe des Irdischen ist vor allem dort gegenwärtig, wo die Menschen sind. Es ist das Braun in seinen Schattierungen. Im Ge-sicht des Joseph steht es düster, vielleicht als Zweifel an dem, was er da erlebt. Im Dach der Hütte sehen wir es, und der linke Hirte ist ganz damit umhüllt. Das Erdige ist bei der Krippe, in der Gestalt der Gläu-bigen und in Gesicht, Augen und Uniform der Wächter. Vor allem finden wir es im Gestein des Grabes. Die Hirten, den Menschen Jo-seph, die Gläubigen oder Ungläubigen, die Wächter und den erdnahen Engel umgibt kein Heiligenschein. Doch es fällt das göttliche Licht auf sie.
Lesung
Die Fenster enthalten, so meine ich, so will ich es Ihnen und euch vermitteln, eine erstaunliche Fülle von Farbabstufungen, deren techni-sche und handwerkliche Herstellung und Verarbeitung besonders auch in jener Nachkriegszeit schwierig gewesen sein muss. Nicht nur die evangelische Kirchengemeinde Staffort, sondern gewiss das ganze Dorf und die junge Stadt Stutensee besitzt mit diesen Altarbildern ei-nen außerordentlichen, einen achtenswerten Schatz. Lesung Wir müssen bei der Betrachtung dieser Farbfenster bedenken, das das, was die Frauen als "zusammengestückelt", eckig und neumodisch be-schrieben, wenn sie vergleichend an die schönen, harmonischen und ganzen Gestalten der alten Bilder dachten, auch eine künstlerische Re-aktion auf die Zeit, in der sie entstanden, gewesen ist. Nach dem ent-setzlichen Wüten des Krieges war in Deutschland und in Europa nichts mehr wie früher. Staffort hatte selbst erleben müssen, wie in wenigen Minuten viele Häuser zerfetzt worden waren, die schützen-den Dächer in Stücke brachen, die Angst die Gesichter zeichnete, Kinder und Erwachsene selbst in Stücke gerissen oder, getötet, als Körper noch "ganz" geblieben waren.
Die Harmonie der Kaiserzeit, in der die ersten Kirchenfensterr ent-standen waren, konnte in den Nachkriegsjahren nicht mehr gelten. Mit dem Morden und der Zerstörung im ersten Weltkrieg bereits ver-schwand die Harmonie z. B. des sog. "Jugendstils". Die Ausdrucks-weise der Künstler brachte diese Zerrissenheit zum Ausdruck. Am stärksten sichtbar und nachvollziehbar vielleicht wird sie in dem denkmalhaften, monumentalen Wandfresko Picassos. Er hatte es in Guernica im Baskenland nach dem furchtbaren Bombenangriff der deutschen Luftwaffe während des spanischen Bürgerkriegs auf diese Stadt gemalt. Auch die Stafforter Frauen zeichnen, wenn sie sich an den Bombenangriff erinnern, ein Bild, in dem die Menschen, selbst die ganz unschuldigen Kinder, und Hab und Gut "zerstückelt" worden waren. Auch ihre Familie waren oft durch das Kriegsgeschehen "in Stücke gerissen".
Dies ist in diesen neuen Kirchenfenstern zum Ausdruck gebracht. Aus den Stücken der zerschlagenen alten Fenster sind sozusagen und gleichnishaft die neuen "zusammengestückelt" worden. So könnte man dies sehen.
Doch was ist mit den anderen Kirchenfenstern allen, den viereckigen unten und den aufragenden oben, an denen wir so oft herumrätseln?
In ihnen herrschen vier Farbtöne vor, die wir bereits in den Chorfens-tern gewürdigt haben: Das Weiß mit bläulichen Grautönen, das erdige Braun und die drei Farben Rot, Weiß und Blau. Sie sind nicht in allen Fenstern zu finden; manchmal muss man nach ihnen suchen. Doch sie bilden eine Sinneinheit, wie ich meine. Sie wurden erst sehr viel spä-ter, wie sie in der Festschrift nachlesen können, eingefügt.
Wie oben gesagt, hatte der Künstler so eine Art Reparaturauftrag er-halten mit neugothischen Vorgaben. Betrachtet man sich die Fenster, so kann man den Eindruck haben, der Künstler habe zuerst einmal die Fenster zumauern wollen. Er zog sozusagen die Geologie der Erde, die rauhen Sandsteine der Außenfassaden über diese zum Teil sehr großen Flächen. So wurden sie dunkler, so versinnbildlichen sie die Erde, die Welt, in der die Gemeinde Gottes lebt. Auch wenn wir uns in dem geschlossenen und als so sicher empfundenen Kirchenraum der christlichen Gemeinde aufhalten, dringen die Welt, das Erdenle-ben, seine Sorgen, Gedanken und Nöte zu uns herein.
Doch diese horizontalen Erdschichten, die hier und da, besonders in den Fenstern der Westempore Verwerfungen und Faltungen zeigen, ihr eckiges Braun wird durchbrochen von den hellen, weißen, blau-gräulichen Strahlen des göttlichen Geistes, meist von oben nach unten, wie wir es gewohnt sind, aber auch in horizontalen Ebenen. Er durch-dringt, umgibt, ist überall, bildet hier die Mitte, dort den Rahmen, manchmal nur eine Insel.
In das Erdhafte der Welt hinein ist durch das Wirken des göttlichen Geistes die Gemeinde Gottes gestellt. Wir finden sie in größeren und kleineren Formationen, mal isoliert, mal verbunden. Hier zieht ein kräftiges Band Rot hindurch; dort bilden blau-grüne Bausteine eine Ansammlung oder eine Brücke.
Blau, Rot und Grün sind Farben, die Glaube, Liebe und Hoffnung be-deuten. Am stärksten fällt am Tage das Rot in die Augen. Heißt es doch, dass Glaube. Liebe, Hoffnung, diese drei, blieben, die Liebe a-ber die größte unter ihnen sei.
Betrachte ich die Fenster nach Norden, nach Westen und nach Süden, kann ich mich mit dieser Vorstellung am besten in ihre Formen- und Farbenwelt hineindenken. Sie stören mich dann auch während des Gottesdienstes nicht. Bin ich einer oder mehrere dieser farbigen Stein-chen in der Gemeinde? - Gibt es Gemeinden, in denen es keine christ-liche Liebe gibt? Oder solche, wo die Hoffnung fehlt?
Die Welt ist überall, aber mit ihr auch der göttliche Ursprung und sein Geist, der keinem dieser Fenster fehlt und hell in das steinige und be-schwerliche Dasein hineinscheint, eine Welt, die an vielen Orten kei-nen Glauben, keine Liebe und keine Hoffnung zu haben scheint.
Schaut man sich diese Fenster an, wenn sie bei Nacht von Innen be-leuchtet sind, dann scheinen die hellen Strahlen in die Nacht der Welt hinein. Das Erdhafte ist dunkel geworden. Das Blau, Grün und Rot schimmert noch erkennbar. Ich war ganz überrascht, wie ausdrucks-voll die Nebenfenster auch dann erscheinen. Sie gehören zu den Hauptfenstern im Chor, bilden mit ihnen eine Einheit und tragen die selbe christliche Botschaft.
Sie sind jedoch, wie wir alle, vor der Allmacht Gottes betrachtet, in der Tat Stückwerk.
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